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Die Fußball-WM 2010 im Huckbook / Tag -1

Die Katze von Anzing, wie sie nach dem batschnassen Leder von der einen in die andere Ecke sprang und im Laufe des Spiels die Farbe des Feldes annahm. Das sind meine ersten Erinnerungen an die Fußball-WM. Die Katze von Anzing heißt mit bürgerlichem Namen Josef Dieter Maier und war der Torwart der bundesdeutschen Nationalmannschaft. Im Vorfeld der Partie zwischen Deutschland und Polen regnete es in Frankfurt, wie es noch nie geregnet hat. Es mutet heute geradezu putzig an, wenn man sich die Bilder anschaut, wie Ordner, Polizei und Feuerwehr, zum Teil barfuß und mit großen Walzen ausgestattet, den See vom Spielfeld schoben. Beim letzten Zwischenrundenspiel der Gruppe B, in dem sowohl Polen als auch Deutschland jeweils 4:0 Punkte hatten, ging es schlicht und ergreifend darum, wer der Finalgegner der Niederländer im Finale am 7. Juli 1974 werden sollte. Mit 30-minütiger Verspätung pfiff schließlich der österreichische Schiedsrichter Erich Linemayr die Begenung an, die später als die »Wasserschlacht von Frankfurt« in die Geschichte eingehen sollte. Der Untergrund war so nass und morastig, dass der Ball nach einem Pass nicht noch einige Meter über den »Rasen« rollte, sondern bei der ersten Berührung mit dem Grün sofort liegen blieb. Alles sah reichlich ungelenk und albern aus. Die Polen, die damals mit dem großartigen Grzegorz Lato einen der besten Spieler Europas in ihren Reihen hatten, wären spieltechnisch der deutschen Mannschaft sicher überlegen gewesen, aber »Football is a simple game: 22 men chase a ball for 90 minutes and at the end, the Germans win«, wie Gary Lineker später einmal treffend anmerken sollte. Ich war sofort begeistert von dem was ich da sah. Und als schließlich die zuvor der DDR unterlegene BRD im Finale die Niederländer mit 2:1 bezwang, da war kein Halten mehr und alle flippten aus.

 

Meine Freude am Fußball war geweckt und als dann 1978 die deutsche Mannschaft sich mit zwei Unentschieden gegen Polen und Tunesien, sowie einem 6:0 gegen Mexico einigermaßen – naja – in die 2. Finalrunde mogelte, wo sie dann auch gegen Italien und die Niederlande keinen Sieg einfahren konnte, waren wir schon  wieder auf dem Boden der Tatsachen angelangt, als wir ahnungslos zum Sommeranfang im Juni 1978 in den Urlaub nach St. Ullrich am Pillersee/Österreich fuhren.

Zum ersten Mal wurde mir am 21. Juni 1978 klar, dass es sich bei einer Fußball-WM nicht einfach um ein paar Fußballspiele zwischen zwei Mannschaften geht, sondern um Politik und chauvinistisches Geplänkel sowie um Adolf Hitler. Während die Anhänger der Nationalmannschaften unserer Nachbarländer oft und aus u. a. diesen Gründen von wenig Liebe zu den Deutschen beseelt waren, waren die Österreicher schier außer Rand und Band. Selbst unsere liebevollen Pensionswirte Kreszenz und Johann waren angespannt wie nie. Ein mir bis dato völlig unbekannter Karl-Heinz Rummenigge schoss Deutschland schnell in Führung, während der Hans-Hubert Vogts in der 59. mit dem ersten Eigentor eines deutschen Spielers bei einer WM ausglich. Es ging ein bißchen hin und her, die Österreicher waren aufgrund ihres Punkteverhältnisses ohnehin schon ausgeschieden, aber es lag eine ungeheuere Spannung in der Luft. Die Österreicher wollten unbedingt gewinnen. Die Gäste im Frühstücksraum des Hauses Kornfeld in St. Ullrich am Pillersee schwitzten und zappelten aufgeregt auf ihren Stühlen umher, bis dann in der 88. Minute etwas Eigenartiges geschah. Hans Krankl nämlich schob zum 3:2 ein und unter den komplett zurückhaltenden ca. 80 Jahre alten Pensionswirten brach ein Inferno aus. Als wir anschließend einen Gasthof aufsuchten, war dort die Stimmung eigenartig und voller Häme. Meine Eltern interessierten sich weder für Fußball, noch für ein deutsches Wesen und hatten auch keinerlei chauvinistische Tendenzen, aber wir wurden ausgelacht, angepöbelt und verhöhnt. Die Schmach von Cordoba hatte uns ereilt. Die ganzen Umstände fand ich damals doof. Dass die WM in einem Land stattfand, das damals von einer korrupten Dikatur unterdrückt wurde, war mir nicht klar und dass ein gewisser Diego Armando Maradona nicht für Argentinien spielen durfte, weil der Trainer César Luis Menotti glaubte, er würde dem Druck nicht standhalten, die bei dieser WM im eigenen Land auf der Mannschaft lastete. Und tatsächlich wäre alles andere als ein Sieg der Argentinier nicht denkbar und von der Regierung auch nicht eingeplant.

 

Seither war ich immer Fan der deutschen Nationalmannschaft. Ich weiss nicht warum das so ist und auch wenn meine Juso-Freunde und die Punks aus meinem Umfeld allenfalls für Algerien oder Albanien waren, ließ ich den Spott über mich ergehen und jubelte für die deutschen Grottenkicker. Sprang 1980 noch ein Europameisterschaftstitel heraus, so spielten die Deutschen bis zur WM 1990 den von Gary Lineker angemahnten Fußball. Sie spielten schlecht, gewannen und zogen 1982 und 1986 ins WM-Finale ein, wo sie jeweils gegen Italien und Argentinien verloren. Erst 1994 und den folgenden Jahren war ich über das jeweils relativ frühe Ausscheiden eher froh, weil es ja alles nicht mehr anzuschauen war. Zur Europameisterschaft 1992 war ich für Dänemark, was sich aber auch irgendwie als ein Fehler herausstellte, weil das ja dann auch nicht witzig ist, wenn ein paar Typen, die den ganzen Tag Pommes Frittes essen und Bier saufen am Ende die Meisterschaft gewinnen. Eigentlich ist sowas ja schon doch witzig, aber halt nur für die Dänen und fast alle anderen Menschen in Europa.

 

Dass ich für die deutsche Mannschaft bin, liegt beileibe nicht an meiner intensiven Liebe für das Land in dem ich lebe. Nationalistische Affinitäten sind mir fremd und ich lehne sie ab. Das Faible für Schweinsteiger und seine Kumpels ist in etwa so wie das „für einen Club sein“. Der schwarz-rot-gelbe Lappen, den die Leute schwingen sind die Farben dieser Mannschaft. Das klingt naiv, ist aber auch der Tatsache geschuldet, dass mir das überzogene Wähnen von Nazis in jedem kleinen unsicheren Moment deswegen auf den Sack geht, weil ich glaube, dass das eine Desensibilisierung für tatsächliche nationalistische Sachverhalte zur Folge haben könnte. Ich bin nicht für einen neuen Patriotismus, so etwas ist mir auch zuwider und ich kann damit nichts anfangen, aber an einer jubelnde Menge Leute, die sich einfach freuen, dass ihre Mannschaft gewonnen hat, kann ich nicht viel aussetzen. Was nicht heißt, dass die jubelnde Menge dabei anderen Menschen mit ihrem Überschwang auf die Nerven geht.

 

Deshalb werde ich, wenn auch skeptisch über die abrufbare Leistung und das Können der Jungs, wieder für Deutschland sein und ich werde alles besser wissen und der Jogi hat doch ebenso keine Ahnung wie der Schiedsrichter (Telefon!) da drüben. Ich hätte den Kevin Kurányi mitgenommen und finde den Ausfall von Michael Ballack nur halb so wild und ich will auch keine blöden Sprüche hören wenn Kevin-Prince Boateng dann gegen »uns« aufläuft, weil, er hat’s bestimmt nicht so gemeint (Sie wissen schon). Und wenn Deutschland nicht Weltmeister wird, dann soll’s eine Mannschaft aus Afrika sein. Aber dafür bin ich ja mindestens schon seit den Zeiten, als noch der damals 38-jährige Greis Roger Milla die Eckfahnen betanzt hat.

 

 

 

Foto von agnieszka / photocase.com

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